BEFEHL IST BEFEHL

Solo für Ferrari, Harakiri für Honda und Sato auf dem A1 Ring.

Vernünftige Entscheidungen sind nicht immer populär und Befehle sind dazu da, dass sie befolgt werden. Die Ferrari-Direktoren Jean Todt, machtbewusst wie Napoleon, und Ross Brawn, Stratege wie Clausewitz, hatten quasi auf dem Zielstrich die Reihenfolge ihrer Piloten noch umgedreht. Michael Schumacher war die ganze Sache auf dem Podium (mit Österreichs Bundeskanzler Dr Wolfgang Schüssel) richtig peinlich. Dort überliess er den obersten Platz und auch den Siegerpokal seinem Adjutanten Rubens Barrichello, der das ganze Wochenende dominiert hatte. Später war der Deutsche dann schon wesentlich realistischer: "Lass mal so etwas passieren wie 1999, wo ich mir ein Bein gebrochen hatte. Dann fehlen die Punkte. Ich war auch nicht begeistert als der Befehl über Funk kam, aber die Dinge sind eben so, wie sie sind." Zum ersten Mal wurde Michael Schumacher bei einem Grand Prix Sieg (es war der 58.) mit einem Pfeifkonzert auf den Tribünen empfangen und auf dem Podium erschien kein Vertreter des Ferrari-Managements, um den Pokal für den gewinnenden Konstukteur entgegenzunehmen.

Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass es nicht funktioniert, wenn sich zwei Piloten aus dem selben Team gegenseitig die Punkte wegnehmen. Bei Fittipaldi, Peterson und Lotus war dies 1973 nicht anders, als bei Piquet, Mansell und Williams 1986: Weltmeister wurden jeweils Fahrer von Konkurrenzteams. Nur während der grossen McLaren-Dominanz in den achtziger Jahren konnte auf Stallorder verzichtet werden: Lauda und Prost, später Prost und Senna waren so überlegen, dass sie 1984 zwölf, 1988 sogar fünfzehn Grand Prix gewannen. Doch in den neunzigern fuhren Häkkinen und Coulthard streng nach Teamregeln, der Finne wurde zweimal hintereinander (1998 & 1999) Weltmeister.

Das Tempo, das die führenden Ferrari in Spielberg vorlegten, war von Anfang an so hoch, dass die Spitze schon in der 4. Runde die erste Überrundung (Alex Yoong im Minardi Asiatech) vornahm. Die Rundenzeiten um die 1:09 Minuten waren so schnell wie im freien Training. Der Ferrari F2002 kommt dem Fahrstil Rubens Barrichellos sehr entgegen. Der sensible Brasilianer, der sich unter Druck oft zu blödsinnigen Fehlern hinreissen lässt, braucht Harmonie privat wie geschäftlich, beim Auto und beim Team. Die "neue Göttin" F2002 ist Mitte Mai 2002 noch ungeschlagen. Barrichello hatte kurz vor dem Grand Prix von Österreich seinen Vertrag bis 2004 verlängert und in der Etappe kämpften die Testpiloten Luca Badoer und Luciano Burti in Fiorano und in Monza.

Ferraris Überlegenheit zwingt die Rivalen zur Nachrüstung, was in Spielberg besonders bei einer Reihe von Motoren, quer durch fast alle Teams, zu Problemen führte. Der A1 Ring hat auf seinen langen Geraden mit 70 Prozent den höchsten Vollgasanteil aller Grand Prix Strecken, doch drei langsame Kurven hintereinander fordern von den Triebwerken auch eine Menge Beschleunigung. Die dünne Höhenluft in den österreichischen Alpen kostet die hochdrehenden Saugmotoren des 21. Jahrhunderts aber zusätzlich ziemlich viel Leistung. Schon in der Qualifikation sorgte Jarno Trulli im Renault durch einen Motorschaden mit viel Öl in der Zielkurve für eine Unterbrechung von 10 Minuten. Im Rennen explodierten die Honda-Triebwerke in den BAR von Panis und Villeneuve, als wären Bomben gezündet worden. Da war Rauch und für einige Sekunden auch richtig viel Feuer. Da bei Panis in der 23. Runde auf der Zielgeraden durch die Explosion bei 280 km/h auch die Hinterräder blockierten, stand der BAR nach einem grossen Dreher (ohne Einschlag in die Boxenmauer) plötzlich mitten auf der Strasse. Für 3 Runden kam das Safety Car heraus, aber nach dem Re-Start krachte es dann richtig.

Nick Heidfeld hatte sich selbst zu seinem 25. Geburtstag den fünften Startplatz geschenkt und am Start beide Williams BMW geschlagen. Die holten sich in der zweiten Runde aber den dritten und vierten Platz hinter den Ferrari zurück. In der 27. Runde bog Heidfelds Sauber Petronas beim Anbremsen der Remus-Kurve plötzlich im rechten Winkel nach rechts ab, mitten im Pulk und bei 300 km/h. Mit dem Heck voran verfehlte der Deutsche dem Williams BMW von Juan Pablo Montoya am Kurvenausgang nur um Zentimeter, traf aber den Jordan Honda von Takuma Sato midships wie ein Torpedo. Die Unfallstelle sah aus wie nach einer Raketenexplosion in Afghanistan. Heidfeld wurde von den Streckenposten weggetragen, Sato, der kurz nach dem Unfall noch aus seinem Cockpit gewunken hatte, wurde noch im Auto 10 Minuten von den Ärzten behandelt, ehe er mit dem Ambulanzwagen erst ins Medical Center an der Strecke, dann per Hubschrauber in das Grazer Universitätskrankenhaus (in dem 1975 nach einem Reifendefekt im Warm Up der Amerikaner Mark Donohue starb) gebracht wurde. Heidfeld war mit den Nerven völlig fertig, aber Sato hatte nur Prellungen und eine Gehirnerschütterung. F.I.A.-Chefarzt Professor Sid Watkins, der in seinem Medical Car auch feine Zigarren und edlen Whisky mitführt, sprach von einem Wunder.

In dieser zweiten Safety Car Phase kamen fast alle Piloten an die Box für ihre Routinestops. Die Ferraris, auf einer für den A1 Ring ziemlich unkonventionellen Zwei-Stop-Strategie, hatten zuvor schon das erste Full Course Yellow für den ersten Halt genutzt und wurden professionell abgefertigt, obwohl beide gleichzeitig hereinkamen. Casino, die poetische Umschreibung für das hässliche Wort Chaos, existiert in der Ferrari-Sprache im Jahr 2002 nicht länger. Die Williams BMW auf den Plätzen 3 und 4 blieben in Spielberg am längsten draussen, hatten aber gegen die Ferraris zeitweise bis zu 40 Sekunden Rückstand. Heidfelds Teamchef Peter Sauber, sonst eher für seine Zurückhaltung bekannt, war diesmal mit der Analyse der Unfallursache ziemlich schnell: "Es war ein Fahrfehler, am Auto ist nichts gebrochen." Fernsehbilder, die die Richtigkeit seiner These beweisen, gibt es nicht, und wenn ein Auto radikal im rechten Winkel ausbricht ist das immer mit Fragen verbunden. Felipe Massa im zweiten Sauber Petronas war wegen Bruchs der linken Hinterradaufhängung schon in der 7. Runde ausgeschieden. Ab der Defekt durch Feindeinwirkung verursacht wurde oder nicht, muss offen bleiben.

Trotz aller Querelen um die Ferrari-Strategie und den Horror-Unfall war Österreich Mitte Mai 2002 wieder richtig schön. Im Gegensatz zur Wetterprognose gab es keinen Regen, in den beiden Trainingstagen auf der glatten Strassenoberfläche des A1 Rings aber unzählige Dreher. Vor dem Start sangen die Wiener Sängerknaben auf dem Podium die Bundeshymne, während auf dem Startplatz die Promis flanierten. Der Veranstalter hatte zum Muttertag die Mütter aller Piloten eingeladen. 13 kamen tatsächlich, viele sahen ihren ersten Grand Prix überhaupt und bei Nick Heidfeld kam sogar die Oma mit. Schneebedeckte Berge, angenehme Temperaturen (um die 20° C) und viel Folklore: Wolken hingen vorallem über BAR, die nach dem sechsten Weltmeisterschaftslauf 2002 als einzigstes Team noch nicht einen einzigen Punkt errungen haben. Immerhin holte Giancarlo Fisichella im Jordan auf Platz 5 die ersten Punkte 2002 für Honda. Harakiri gab es in Spielberg für die Japaner genug.

Im Rahmenprogramm trat Osterreichs bekanntester, noch lebender, Pop-Star DJ Ötzi auf, zusammen mit der britischen Band The Conrods. Deren Leadsänger hat lange graue Haare und auch einen Bart, war aber früher kein Rolling Stone, sondern ein richtiger Punk: Damon Hill spielt virtous Gitarre wie einst der legendäre Mike the Bike Hailwood, war aber 1996 auch Weltmeister in einem Williams Renault (und 1994 & 1995 jeweils Vize). Auf einer der Tribünen hing ein Transparent: Mika, it´s time to come back. Wenn die Gegenwart nicht so erfreulich ist, besinnt man sich gern auf alte Werte.

Klaus Ewald

 

 

 

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